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Ist die Schweizer DAB+-Strategie noch zeitgemäss?

EMF-Klartext untersucht, ob die vor mehr als zehn Jahren eingeschlagene Schweizer DAB+-Strategie unter heutigen technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen noch zeitgemäss ist.

Die Schweizer DAB+-Strategie wurde vor mehr als zehn Jahren mit dem Ziel aufgebaut, UKW schrittweise abzulösen. Seither haben sich Technik, Mediennutzung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen jedoch deutlich verändert.

EMF-Klartext stellt deshalb die Grundsatzfrage, ob die ursprünglich verfolgte Migration zu DAB+ unter den heutigen Bedingungen noch zeitgemäss und verhältnismässig ist.

Strategie auf einen Blick

  • DAB+ sollte UKW als digitalen terrestrischen Radiostandard ablösen
  • mehr als zehn Jahre Migration, ohne dass UKW dauerhaft verschwunden ist
  • internetbasierte Audioangebote haben in dieser Zeit stark an Bedeutung gewonnen
  • DAB+ bleibt ein lineares Broadcast-System ohne Rückkanal
  • für DAB+ werden eigene, schweizweite ausgebaute Sendernetze betrieben
  • damit verbunden sind zusätzliche Infrastrukturkosten, Energiebedarf und HF-Exposition
  • die Weiterführung beziehungsweise Rückkehr von UKW stellt die ursprüngliche Migrationslogik infrage
  • beim Fernsehen wurde die terrestrische Verbreitung über DVB-T bereits aufgegeben
  • aus meiner Sicht ist deshalb eine grundlegende Neubewertung der Schweizer DAB+-Strategie angezeigt

Symbolbild: Die Mediennutzung verlagert sich zunehmend Richtung Internet, während die strategische Rolle von UKW und DAB+ neu bewertet wird.

Die heutige Situation ist geprägt von einem Spannungsfeld zwischen alter Migrationslogik und neuer Medienrealität. Während DAB+ technisch als Nachfolger von UKW aufgebaut wurde, verlagert sich die Nutzung digitaler Audioangebote zunehmend ins Internet. Gleichzeitig bleibt für DAB+ eine eigene Funkinfrastruktur mit entsprechenden Kosten, Energieaufwand und zusätzlicher HF-Exposition bestehen.

Ausgangslage: Was war die ursprüngliche DAB+-Strategie?

DAB+ wurde in der Schweiz als digitaler Nachfolger von UKW aufgebaut. Ziel war es, die analoge terrestrische Radioverbreitung schrittweise durch einen digitalen Rundfunkstandard zu ersetzen und UKW langfristig ganz abzulösen.

Diese Strategie war vor mehr als zehn Jahren aus damaliger Sicht nachvollziehbar. DAB+ versprach eine effizientere Nutzung des verfügbaren Frequenzspektrums, die gemeinsame Übertragung mehrerer Programme in einem Ensemble und eine robuste digitale Versorgung ohne das typische UKW-Rauschen.

Die Migration war dabei nicht als dauerhafter Parallelbetrieb gedacht. Der zusätzliche Aufwand von UKW und DAB+ sollte nur während einer Übergangsphase bestehen. Langfristig sollte DAB+ die Rolle von UKW übernehmen.

Genau an diesem Punkt stellt sich heute die zentrale Frage: Ist dieses ursprüngliche Ziel noch realistisch und sinnvoll – oder haben sich Technologie, Mediennutzung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen inzwischen so stark verändert, dass die Strategie neu beurteilt werden muss?

Kernfrage: Nicht ob DAB+ technisch funktioniert, sondern ob es heute noch der richtige langfristige Verbreitungsweg für Radio ist.

Was hat sich seither verändert?

Seit Beginn der DAB+-Migration haben sich die technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich verschoben. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass neue digitale Übertragungswege hinzugekommen sind. Vielmehr hat sich die Art der Mediennutzung selbst verändert.

DAB+ digitalisiert zwar die terrestrische Radioübertragung, bleibt aber im Kern ein lineares Broadcast-System: Das Rundfunksystem verbreitet ein festes lineares Programmangebot gleichzeitig an alle Empfänger. Rückkanal, individuelle Auswahl, On-Demand-Angebote, zeitversetztes Hören oder personalisierte Inhalte gehören nicht zum eigentlichen System.

Internetbasierte Audioangebote funktionieren grundlegend anders. Sie ermöglichen den unmittelbaren Zugriff auf Live-Radio, Podcasts, Archive, einzelne Sendungen und andere Audioinhalte – unabhängig von einem festen linearen Sendeschema.

Damit stellt sich heute nicht mehr nur die Frage „UKW oder DAB+?“. Die eigentliche Entwicklung verläuft zunehmend zwischen klassischen Broadcast-Systemen und IP-basierten Angeboten.

Gleichzeitig wird UKW in der Schweiz entgegen der ursprünglichen Migrationsstrategie wieder beziehungsweise weiter genutzt. Damit verändert sich die ursprünglich geplante Migrationslogik grundlegend.

Merkmal UKW DAB+ Internet/IP
Digitale Übertragung Nein Ja Ja
Lineares Broadcast-System Ja Ja Möglich, aber nicht systembedingt
Rückkanal Nein Nein Ja
On-Demand / Replay Nein Nicht systembedingt Ja
Zeitversetztes Hören Nicht netzseitig Nicht netzseitig Ja
Individuelle Auswahl Durch verfügbares Programmangebot begrenzt Durch Ensemble- und Netzangebot begrenzt Sehr gross
Separate Rundfunkinfrastruktur Eigenes UKW-Netz Eigenes DAB+-Netz Nutzung bestehender Breitband- und Mobilfunknetze

Genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Digitalisierung und digitaler Transformation. DAB+ hat den Übertragungsweg digitalisiert. Die digitale Transformation verändert dagegen das gesamte Nutzungsmodell.

Aus dieser Perspektive muss heute geprüft werden, ob DAB+ tatsächlich noch die langfristige Antwort auf die Zukunft des Radios ist – oder ob die technologische Entwicklung die ursprüngliche Migrationsstrategie inzwischen überholt hat.

Ein zusätzliches schweizweites Sendernetz – wofür?

DAB+ benötigt für die terrestrische Versorgung eigene, schweizweit ausgebaute Sendernetze. Diese Netze kommen zusätzlich zu den bereits bestehenden Mobilfunk- und IP-Infrastrukturen hinzu und verursachen eigene Kosten für Senderstandorte, Zuführung, Betrieb, Wartung und Energieversorgung.

Hinzu kommt die zusätzliche HF-Exposition durch ein flächendeckendes Rundfunknetz mit teilweise hohen Sendeleistungen. Gerade bei leistungsstarken Standorten wie Valzeina wird sichtbar, welche technische Infrastruktur hinter der DAB+-Versorgung steht.

Damit stellt sich eine einfache, aber grundlegende Frage: Welchen eigenständigen Mehrwert liefert ein zusätzliches terrestrisches DAB+-Netz heute noch gegenüber UKW und internetbasierten Audioangeboten – und rechtfertigt dieser Mehrwert den dauerhaften Infrastrukturaufwand?

Beim Fernsehen wurde auf ein eigenes terrestrisches Sendernetz verzichtet

Beim Fernsehen hat die Schweiz bereits vor Jahren einen anderen Weg eingeschlagen. Die SRG stellte die terrestrische Verbreitung über DVB-T ein; auf eine Migration zu DVB-T2 wurde verzichtet.

Stattdessen werden Fernsehprogramme heute über bestehende Plattformen wie Kabel, Satellit und IP-basierte Dienste verbreitet.

Damit stellt sich die Frage, weshalb beim Radio dauerhaft ein zusätzliches terrestrisches DAB+-Sendernetz erhalten werden soll, während beim Fernsehen auf eine solche Infrastruktur bereits verzichtet wurde.

UKW kehrt zurück – die ursprüngliche Migrationslogik gerät ins Wanken

Die Schweizer DAB+-Strategie beruhte auf einer klaren Logik: UKW sollte während einer Übergangsphase parallel zu DAB+ betrieben und anschliessend abgeschaltet werden. Der kostenintensive Parallelbetrieb zweier terrestrischer Rundfunknetze sollte damit beendet werden.

Genau diese Logik funktioniert heute nicht mehr wie vorgesehen. UKW bleibt weiterhin relevant. Die SRG bereitet die Rückkehr auf UKW für Herbst 2026 vor. Damit entsteht erneut jene Parallelstruktur, die mit der Migration ursprünglich überwunden werden sollte.

Statt UKW → DAB+ entwickelt sich die Realität zunehmend zu UKW + DAB+ + Internet. Gleichzeitig steht die SRG unter erheblichem Spardruck. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, ob mehrere parallele Verbreitungswege dauerhaft wirtschaftlich sinnvoll betrieben werden können.

Für DAB+ ist dieser Punkt besonders relevant: Wenn UKW als terrestrische Grundversorgung weiterhin bestehen bleibt und internetbasierte Angebote gleichzeitig weiter an Bedeutung gewinnen, muss neu begründet werden, welche eigenständige Funktion ein zusätzliches flächendeckendes DAB+-Sendernetz langfristig erfüllen soll.

Die Rückkehr von UKW ist deshalb mehr als eine technische Korrektur. Sie stellt die ursprüngliche Migrationsstrategie grundsätzlich infrage.

Konsequenzen ziehen: DAB+ zeitnah zurückbauen

Wenn eine über Jahre verfolgte Migrationsstrategie ihr eigentliches Ziel nicht erreicht, genügt es nicht, den bestehenden Zustand einfach fortzuschreiben. Aus Kosten-, Infrastruktur- und Effizienzgründen müssen aus einer gescheiterten Strategie auch Konsequenzen gezogen werden.

Aus meiner Sicht sollte DAB+ deshalb nicht über viele weitere Jahre parallel zu UKW und Internet weiterbetrieben werden. Vielmehr sollte die Schweiz DAB+ zeitnah zurückbauen und die terrestrische Radio-Grundversorgung wieder auf UKW konzentrieren.

Ein solcher Schritt würde die bereits vorhandenen DAB+-Empfangsgeräte nicht automatisch entwerten. Für in der Schweiz zugelassene DAB+-Radios ist die Unterstützung von UKW vorgeschrieben.

Damit könnte UKW die lineare terrestrische Grundversorgung weiterhin abdecken, während die eigentliche digitale Weiterentwicklung dort stattfindet, wo sie technologisch bereits angekommen ist: bei internetbasierten Audioangeboten, Streaming, Podcasts, Mediatheken und On-Demand-Diensten.

Das Ergebnis wäre eine deutlich einfachere Struktur: UKW für die terrestrische Grundversorgung, Internet für die digitale Transformation – und kein zusätzliches flächendeckendes DAB+-Sendernetz mehr.

Wenn sich eine Strategie als nicht mehr tragfähig erweist, ist ein geordneter Rückbau wirtschaftlich konsequenter als die dauerhafte Finanzierung einer zusätzlichen Infrastruktur.

Die Mehrzahl der DAB+ Sender ist < 1 kW

Gerade in topologisch anspruchsvollem Gelände wäre es angebracht, eine Senderarchitektur zu wählen, die nicht einfach auf möglichst grosse und starke Sender setzt.

Die „kleinsten“ und „grössten“
DAB+-Sender der Schweiz, pro Kanton

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